Mittwoch, 23. Mai 2012

Auschwitz


Die erste Führung geht um 9.30 Uhr. Es ist erst 8.00 Uhr. Aber wir können kostenlos eintreten und eigenmächtig durchlaufen. Jeder, der vor um 10.00 Uhr ankommt, darf auch ohne Führung durch das Lager laufen. Viele Baracken in Auschwitz I sind geöffnet und beherbergen verschiedene Ausstellungen. Auch ohne Führung kann man viel lernen. Wir laufen ziellos durch das Lager und sind pünktlich um 9.30 Uhr am Schalter, kaufen 2 Karten. Zusammen kostet es ca. 12 Euro, da wir Studenten sind. Insgesamt sind es 4 Stunden Führung durch Auschwitz I und Auschwitz II. Es ist niederschmetternd! Auschwitz I ist mitten im Ort Oświęcim, weil die polnische Armee dort zuvor eine Kaserne mit 20 Gebäuden hatte. 8 weitere wurden hinzugefügt und zunächst wurden ausschließlich polnische Intellektuelle eingesperrt. Später kamen 15.000 sowjetische Kriegsgefangene dazu, von denen nicht einmal 100 überlebten. Erst später, mit der Errichtung von Auschwitz II, besser bekannt als Birkenau, wurden Juden aus ganz Europa angefahren. Man begann jetzt auch, Frauen und Kinder in größerem Stil einzusperren. Bis 1945 wurden in diesem KL 1,1 Millionen Menschen ermordet! Über 800 Kinder wurden dort geboren. Davon überlebten 64 und das auch nur, weil die Russen kurz nach der Geburt ankamen. Im Stammlager Auschwitz I hatte Rudolf Höss seinen Wohnsitz. 60 Meter Luftlinie entfernt vom Krematorium I mit Gaskammer spielten seine 5 Kinder in einem prachtvollen Garten, kochte seine Frau das Essen und schliefen alle einen wahrscheinlich viel zu guten Schlaf. Währenddessen mussten die Häftlinge teilweise 11 bis 15 Stunden lang bei jedem Wetter stehen und sich in hasserfüllten brüllenderweise vorgetragenen Reden anhören, was für Gesindel sie doch seien. Verletzte Menschen wurden in den Sanitätsblock gebracht. Dort gab es keine medizinische Ausrüstung, nur Liegen. Dort lagen sie, bis sie als zu schwach zum Arbeiten deklariert wurden. Es folgte die Gaskammer. 12 Stunden oder mehr harte Arbeit am Tag hatten die Häftlinge auszuhalten. Dafür bekamen sie 1500 kcal pro Tag zu Essen. Zum Vergleich: Ich benötige ca. 1800 kcal pro Tag, um nur meine Lebensfunktionen aufrecht zu erhalten. Das Niederschmetternste waren jedoch jene Dinge, die man nach der Lagerbefreiung fand. Gigantische Mengen an Schuhen. Alle sind 100% original. Jeder dieser vielen vielen vielen Tausend Schuhen gehörte einem Häftling, der mit über 90%iger Wahrscheinlichkeit noch im KL starb. Viel schlimmer als die Schuhe waren jedoch die Haare der Häftlinge. Bei Ankunft der Menschen wurden sie am ganzen Körper kahl geschoren. Die Haare wurden verwendet, um Perücken herzustellen, Kleidung und Teppiche daraus zu weben oder als Dämmung genutzt. Die Asche der verbrannten Menschen wurde als Dünger für den Ackerbau im ganzen deutschen Einflussgebiet verwendet. So standen wir vor 2 der 5 TONNEN Menschenhaar, die bei der Befreiung gefunden wurden. 2 Tonnen Menschenhaar nimmt einen Raum der Größe von 2 bis 3 normalen Wohnzimmern ein. Ich musste die Tränen der Betroffenheit zurückhalten. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich auf der Stelle losheulen können. Man muss sich vorstellen, dass das alles originales Haar ist, keine Attrappe, keine Visualisierung, kein Foto. Es ist alles echt. Jedes Gramm dieser 2 Tonnen, die nicht mal die Hälfte dessen sind, was man nicht mehr schnell genug vernichten konnte. Es ist entsetzlich! Ausstellungen über den Lageralltag, die Lebensbedingungen – es wird nicht besser. Viele hielten nicht mal einen Monat durch. Wir sahen Originalbücher, in denen gestorbene Personen aufgeschrieben wurden. Alle 5 Minuten starben mehrere Menschen, alle 5 Minuten!!! Nur in Auschwitz! Da gab es Birkenau noch nicht einmal!
In Birkenau gab es 4 Krematorien. Mit Inbetriebnahme dieser wurde das Krematorium I abgeschaltet. Krematorium 2 und 3 waren in der Lage, je über 1000 Personen gleichzeitig zu vergasen und 1400 Leichen pro Tag zu verbrennen. Das reichte manche Tage nicht aus, so dass die kleineren Krematorien 4 und 5 immer wieder verwendet werden mussten. Immer wenn ein neuer Zug ankam, wurden die Lauffähigen von den nicht mehr Lauffähigen getrennt. Bis zu 75% der Leute konnten nach bis zu 11 Tagen fahrt ohne Essen und Trinken nicht mehr laufen. Die wurden direkt vergast. Alle anderen wurden in Pferdeställen untergebracht. Diese Pferdeställe waren für nicht einmal 50 Pferde ausgelegt. Dort lebten dann über 600 Menschen. Sie durften 2 Mal am Tag auf die Toilette, nahezu alle hatten Durchfall und waren Inkontinent. Das alles lief vom obersten Stockwerk der 3 Etagenbetten bis ganz nach unten durch. Dort schliefen die, die zu schwach waren, einen oberen Platz zu bekommen. Die Ställe waren nicht gedämmt, sie hielten nicht einmal den Wind komplett ab. Es ist furchtbar, sich das heute anzusehen, sich diese Lebensumstände vorzustellen und zu sehen, welche Dinge zu tun Menschen in der Lage sind! Der Besuch des KLs Auschwitz-Birkenau war ein bedrückendes Erlebnis. Dennoch, den Besuch war es wert und ich würde es jedem nahelegen.

von überall in Europa wurden Opfer geholt

verbliebene Asche der Toten

Gleise nach Birkenau

in solchen Waggons wurden bis zu 100 Leute gequetscht für bis zu 11 Tage!

Unterkunft in Birkenau

Latrinen in Birkenau, durchschnittliche Zeit pro Häftling pro Gang: 5 Sekunden

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