Donnerstag, 17. Mai 2012

Polen – schon wieder, diesmal Nationalparks


Es war eine lange aber unspektakuläre Fahrt nach Polen. In Polen zog es uns in die Nationalparks, die im Nordosten Polens liegen. Dort gibt es 4 Stück: Wigry – der kleinste, Biebrza – der größte, Bialowieza – der älteste und bekannteste und einen vierten ;) Jetzt ratet mal, welchen von den vieren wir nicht besucht haben…
Es fing an mit Wigry. Wigry ist ein Dorf. Es hat einen tollen See – den schönsten See des Nationalparks. Es führt ein Wanderweg um den See herum, der deutlich über 40 km lang ist! Außerdem gibt es in Wigry einen Campingplatz direkt neben dem ehemaligen Kloster, das jetzt ein Hotel mit wunderbarer Aussicht auf den See ist. Wigry selbst liegt auf einer Halbinsel. Es ist wunderschön dort. So schön, dass wir uns doch entscheiden, 2 Nächte zu bleiben. Aber der Reihe nach. Zunächst war es noch wunderschönes Wetter, die Sonne schien, es war warm, also gingen wir gleich mal baden. Immerhin kostete die Dusche extra und warum sollten wir für eine Dusche bezahlen, wenn der See umsonst ist und wir 100% BIO Waschseife für die Dusche in Seen und Flüssen dabei haben? Also ausgezogen und die angenehme Sonne auf der Haut gespürt. Ab zum See, dafür benötigte man bestimmt 20 Schritte! 
unser Wohnort für 2 Nächte, wunderschön, oder?
Blick von gleich neben dem Campingplatz

Gelobtes Land!!

Kraftsport - das war echt schwer!!

Die Geste passt schon, nur der Mönchskittel fehlt noch

entspannen am See

Posen am See


Ein Fuß rein ins Wasser – brrrrrr, kalt. Zweiten Fuß rein ins Wasser – wämer wird das trotzdem nicht! Also ganz rein und ganz schnell wieder raus! Marcus ist ordentlich geschwommen, mir war das zu kalt und so bin ich draußen geblieben. Schön war es trotzdem! Danach hatten wir Hunger und kochten uns – wie kreativ – Nudeln. Die Tomatensoße habe ich mal auf eine neue Art probiert. Ich habe Öl in der Pfanne richtig heiß gemacht und in dem Öl Thymian und Rosmarin „fritiert“. Nach kurzer Zeit habe ich 2 in ganz dünne Scheiben geschnittene Knoblauchzehen reingeworfen. Die wurden schneller braun, als man „Wer nochmal sagt, Kochen im Auto ist unmöglich, der soll uns mal besuchen kommen!“ sagen kann. Also schnell die gewürfelten Tomaten aus der Dose rauf, etwas Tomatenmark ran und mit Salz, Paprika, Cayennepfeffer und Basilikum abschmecken. Genial! Wir haben 500 Gramm Nudeln gegessen, weil es so lecker war. Danach haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht und festgestellt, dass neben dem Schweizer, der eigentlich Pole ist, seit 40 Jahren in der Schweiz wohnt (wie auch immer er das gemacht hat) und den Zeltplatzbetreibern jedes Jahr etwas aushilft, auch noch ein weiteres polnisches Auto dort steht. Dahinter steht ein junger Mann und spielt auf einer E-Gitarre mit einem kleinen Verstärker System of a Down – Hypnotize. Na, den müssen wir kennen lernen! Er spricht Englisch. Sehr gut. Er sagt, er verkauft vor dem Kloster dieses alkoholfreie Brotbier, das es auch schon in Litauen gab. Direkt im Anschluss fragt er, ob wir etwas Vodka probieren möchten, echter polnischer selbstgebrauter Vodka (wer’s glaubt…). Wollen wir natürlich. Also zieht er einen 5 Liter Wasserkanister aus dem Auto, der noch fast voll ist, und drückt uns den in die Hand. So kommt es, dass ich das erste Mal in meinem Leben Vodka aus einem 5 l Wasserkanister saufe. Nur einen Schluck. Gut ist er, da kann man nichts sagen und das sogar, nachdem das Gelumpe einen ganzen Tag im warmen Auto stand. Zunächst lassen wir ihn aber allein mit seinem Vodka und gehen spazieren. Es wird kein langer Spaziergang. Die Mücken stechen uns zu Tode und meine Bundeswehr – Badelatschen sorgen für eine Blase an der Seite meines rechten Fußes – Aua. So gehen wir zurück und unterhalten uns mit dem soeben kennengelernten Tomek. Es stellt sich heraus, dass Tomek 17 Jahre ist und weit davon entfernt ist, sich selbst gefunden zu haben. Er sei Satanist, habe den Teufel und Ufos gesehen – mehrmals. Außerdem redet er immer davon, er würde hier verkaufen. Das tut er nicht. Sein Vater verkauft und er fährt mit, weil er die Ruhe genießt, stellt sich heraus. Eine Zeit lang ist es ganz angenehm. Dann wird es nervig. Zusammen sitzen wir später am Wasser. Es ist noch sehr warm. Rund um uns herum blitzt es. Gewitter – überall. Nicht über uns. Über uns strahlen die Sterne. Sie leuchten so intensiv, wie  ich es selten gesehen habe. Unter uns – wir sitzen auf einem Steg – liegt der See. Ganz ruhig. Es ist mystisch. Immer wieder leuchtet ein Blitz durch die Wolken um uns herum und es entstehen merkwürdige und abstrakte Lichtfiguren im Himmel. Wir sind baff und es redet keiner mehr. Als es gegen 11 anfängt, auch bei uns zu regnen, geht Tomek in sein Auto und wir in unseres. Der nächste Tag ist kühl und zunächst regnerisch. Wir verbringen den ganzen Tag im Auto und faulenzen. So etwas hatten wir zuvor noch nicht gemacht – einen Faullenztag. Es tat gut. In Wigry gab es einen öffentlichen Hotspot, also hatten wir Internet umsonst und konnten so viel Kontakt zu unserer Außenwelt halten. Ich liebe das Internet! Am Abend spazieren wir eine deutlich größere Runde und genießen die Natur im Nationalpark dicht an dicht mit kleinen Siedlungen. Hier leben Mensch und Natur noch dicht an dicht friedlich zusammen. Es ist wirklich wunderschön hier! 
ein kleines Nickerchen tut immer gut!

Das Haus der Träume! Ich muss wohl nach Polen ziehen!

Ich habe ewig in den Himmel gestarrt! Ich hoffe, der Himmel kommt annähernd so genial rüber, wie ich ihn in echt gesehen habe!

ein verlassenes Boot am See

Nein! 2 verlassene Boote. Sie laden zum Träumen ein...

Wo sind wir doch gleich?
Am Abend „dusche“ ich mich noch einmal im See. Wir haben gemütliche 13°C Lufttemperatur und das Wasser fühlt sich auch nicht viel wärmer an. So bleibt es eine kurze Dusche. Auch in der Nacht kann man nicht von Hitze sprechen. Am Morgen wollen wir unsere Schlafsäcke nicht verlassen, quälen uns irgendwann dann aber doch heraus und fahren los – mit voll aufgedrehter Heizung. Es geht ca. 80 Kilometer weit in den Biebrza Nationalpark. Wir finden in einem kleinen Ort – Delowo heißt er – einen Campingplatz und fahren da rauf. Hier kann man Fahrräder und Kajaks mieten und der Platz ist schön. Mirek, der Betreiber, ist Mitte 40 und spricht sehr gut Deutsch. Er empfiehlt uns eine Fahrradtour und eine Kajaktour. Da es erst Mittag ist, entschließen wir uns, noch am gleichen Tag mit den Fahrrädern zu starten. Der Biebrza Nationalpark ist ein großes Sumpfgebiet. Es ist Flachland und Wälder sucht man vergebens. Dafür leben hier viele seltene Tiere, neben Vögeln übrigens auch Elche. 181 verschiedene Vogelarten (davon 17 vom Aussterben bedrohte) brüten hier im Frühjahr. Es ist ein Paradies für Ornithologen. Das sind wir nicht und wir stellen etwas traurig fest, dass wir diesbezüglich überhaupt keine Ahnung haben. Wir sehen viele Vögel und tolle Pflanzen, schauen dabei aber wie das wortwörtliche Schwein ins Uhrwerk. 
Was sind das nur für Pflanzen?
Irgendwann sehen sie dann so aus

hinter uns ein Geräusch. Was ist es? Ein Hund!

andere verrückte Pflanzen, ich habe sowas noch nie gesehen! Faszinierend!
Das Eichhörnchen mag den Geruch dieser Pflanzen jedenfalls!

schon wieder Pflanzen, die ich so noch nie gesehen habe, weiß jemand etwas darüber?


2 Schattengestalten im Sumpf, wer mag das wohl sein?

Am Ende der Fahrradtour tut mein Hintern furchtbar weh. Der nächste Tag bringt eine Kajaktour. Es ist sonnig und warm und wir sind bereits 8:30 super munter im Auto. Halb 11 sitzen wir im Kajak auf der Biebrza und paddeln los. 
Entspannung für mich...

...Arbeit für Marcus

Herrlich ist es auf dem Wasser!

Wir paddeln Schwänen hinterher. Wunderschöne Tiere sind das so aus der Nähe. Wenn wir ihnen zu nahe kommen, fliegen sie los. Sie rennen buchstäblich über das Wasser und benötigen zum Abheben so viel Weg wie eine Boeing 747. Wahnsinn. Trotz allem irgendwie anmutig. Während diese großen Vögel mit ihren langen nach vorn gestreckten Hälsen sich abstrampeln und versuchen, Land (eigentlich Luft) zu gewinnen, entsteht eine Geräuschkulisse, die man gehört haben muss. Bedenkt – es ist ganz ruhig überall. Nur Vögel zwitschern. Dann kommt das aufgeregte, heisere Röcheln dieser Tiere dazu, kombiniert mit dem Rauschen des Wassers, während sie über selbiges laufen. Der Flügelschlag ergänzt dieses Miteinander von Geräuschen zu einem atemberaubenden Moment. Als ich das das erste Mal sehe und höre, knallt mir der Unterkiefer zwischen meinen Beinen auf den Bootsboden. Es ist beeindruckend. Auf diese Art und Weise treiben wir immer mehr Schwäne vor uns her. Am Ende sind es sicherlich 8 oder 10 Stück. Wenn die zusammen losfliegen, ist das der Wahnsinn. 








Wir sehen Reiher, wir sehen Weißflügelseeschwalben und einen Haufen Vögel, die wir nicht näher benennen können. Außerdem pisacken uns die Mücken weiterhin. Meine Beine sind komplett zerstochen. Wir kommen an eine Schleuse und wollen die passieren. Den Betreiber dieser Schleuse finden wir erst nicht, also frage ich einen Traktorfahrer. Der kann natürlich ausschließlich polnisch. Er bringt mich zum Schleusenwärter. Der kann auch nur polnisch, kapiert aber, was ich möchte und schleust uns endlich durch. Nach der Schleuse finden wir jedoch die Abzweigung, die wir nehmen wollen, nicht und müssen den gleichen Weg zurück. Nochmal dieses ganze Geschleuse wollen wir aber nicht haben und so entschließen wir uns, das Boot an einem Wehr rauszuziehen, umzutragen und nach der Schleuse wieder einzusetzen. Die Vorstellung ist echt sehr leicht. Die Handlung nicht so sehr. Es geht trotzdem mit viel Kraft. Vor allem das Einsetzen des Bootes bereitet uns einige Schwierigkeiten, da der Steg über einen halben Meter über der Wasseroberfläche ist und wir das Boot nicht einfach nur reinwerfen wollen. Danach geht es zurück im hohen Tempo. Der nächste Tag sollte uns beiden Muskelkater in Schulter und Rücken einbringen. Für den Moment macht es einfach nur Spaß. So kommt es, dass wir auf dem Rückweg ca. 8 km in einer Stunde zurückgelegt haben, was im Kajak schon recht fix ist. Insgesamt sind wir knapp 20 Kilometer gepaddelt und sind kaputt. Trotzdem geht es an diesem Tag noch weiter in den nächsten Park – Bialowieza. Bialowieza ist ein Naturschutzgebiet, dessen Bereich zu 40% auf polnischem Staatsgebiet liegt und zu 60% auf weißrussischem. Hier findet man einen der letzten Urwälder Europas. Wir reden hier von bis zu 600 Jahre alten Eichen und ähnlichen beeindruckenden Bäumen. Hier gibt es die letzte wild lebende Bisonherde Europas. 
Achtung! Bisons können über die Straße laufen! Das würde dem alten Franzosen sicher nicht so gut tun ;)
Wir finden einen Campingplatz und während wir uns offiziell bei der Rezeption einschreiben, kommen 2 Franzosen in unserem Alter an. Wir beschließen, später mit ein paar Bier zu ihnen rüberzugehen. Sie mieten sich ein Zimmer an und setzen sich auf die Veranda mit jeweils einem Bier. Keine 10 Minuten später sitzen wir bei ihnen. Sie sprechen sehr gutes Englisch und wir reden den ganzen Abend über Roadtrips, Renault, Bier und Polen. Irgendwann werden wir müde und frieren uns zu Tode. Wir wollen nur noch in unsere warmen Schlafsäcke. Marcus geht am Abend noch Duschen, ich am nächsten Morgen. An der Rezeption hieß es, es gäbe warmes Wasser „Non Stop“. Das freut uns, ist es doch die erste warme Dusche seit langer Zeit. An den Duschen hängen Durchlauferhitzer. Die sind nicht annähernd in der Lage, das Wasser warm zu bekommen. Selbst lauwarm wäre übertrieben. Dennoch – wir konnten uns reinigen. Es geht los zur Touristeninformation. Wir wollen wissen, wie wir in das Naturschutzgebiet kommen und einige Informationen dazu bekommen. Wir lernen, dass man in das eigentliche Naturschutzgebiet nur als Teilnehmer einer Führung kommt. Die muss man buchen und das geht nicht von jetzt auf gleich. Dafür bekommt man einen 8 km langen Rundgang und all die Erklärungen, die man benötigt, um dieses Gebiet in seiner Schönheit zu genießen. Weil wir am Nachmittag abfahren wollen, entschließen wir uns dagegen und ziehen auf eigene Faust durch das weniger strenge Naturschutzgebiet. Hier sehen wir immerhin eine 400 jährige Eiche und finden einen wunderschönen Pfad durch den Wald. Der ist zwar abgesperrt aber um die Schranke führt ein kleiner Trampelpfad herum. Der Weg ist sehr vermodert. Das macht diesen Spaziergang unvergesslich. Diese Atmosphäre ist überwältigend! Die klare Luft, das Vogelgezwitscher, das Licht, das hier und da durch den Wald scheint, die unberührte Natur – alles zusammen ergibt solch ein dicht geschnürtes Paket an Wahrnehmungen, dass man es mit den besten Kameras, den besten Objektiven, den besten Mikrophonen niemals einfangen könnte. Man muss schon selbst dorthin fahren und sich dem Wald gegenüber öffnen. Die Sinne schärfen, den Gedanken freien Lauf lassen und schon fängt der Wald an, zu wirken! 
So sieht es dort aus!

Krasse Musterung!

Nach dieser Erfahrung und einigen Schnitten fahren wir los Richtung Lublin. Dort wohnt eine Bekannte aus Marcus‘ Zeit in Spanien.

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